Im Gespräch mit Dr. Annette Kleinfeld, Unternehmensethikerin und Expertin im Normungsprozess
Interview, Juni 2010
Dr. Annette Kleinfeld hat den ISO 26000-Normungsprozess von Anfang an als Expertin begleitet. Seit 2004 vertritt sie die deutsche Delegation in der Interessensgruppe „Wissenschaft, Dienstleistungen, Forschung“ (SSRO). In der jüngsten und letzten Sitzung des Gremiums in Kopenhagen im Mai ist ein Leitfaden verabschiedet worden, der national wie international das Verständnis von Unternehmensverantwortung in der Gesellschaft prägen wird. Im Gespräch beantwortet Frau Kleinfeld grundlegende und weiterführende Fragen zu diesem Thema und gibt einen Einblick in den Entstehungsprozess der Norm.
Warum gibt es jetzt eine Norm für unternehmerische und organisationale Verantwortung?
Der Antrag auf die Entwicklung einer Norm wurde von der Internationalen Verbraucherorganisation Consumer International“ (CI) initiiert und ging bereits 2004 bei der ISO ein. Der Grund für diesen Schritt war vor allem, dass es im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung keinen international konsensfähigen Standard gab. Die im ISO-Netzwerk zahlreich vertretenen Entwicklungs- und Schwellenländer haben die Entwicklung eines solchen Standards begrüßt und den Normierungsantrag gegen das Votum der Industrienationen durchgesetzt. Ihr Engagement war deshalb so stark, weil sie in dem Normungsprozess die Möglichkeit sahen, die Politik im eigenen Land unter Druck zu setzen, um auch auf nationaler Ebene Themen der sozialen Verantwortung gesetzlich zu verankern. Erst nachdem der Antrag angenommen wurde, haben die großen Interessenverbände der Industrie sich dafür eingesetzt, dass die Norm nicht nur für Wirtschaftsakteure gilt, sondern alle Arten und Größen von Organisationen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen müssen.
Wie ist Ihr Eindruck vom Entstehungsprozess und Ergebnis der Norm: Kompromiss oder Innovation?
Mein Eindruck, sowohl vom Entstehungsprozess als auch vom gerade verabschiedeten Ergebnis, ist, dass von den beteiligten Akteuren ein sehr innovativer und ambitionierter Leitfaden entwickelt wurde. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, wenn man die Hintergründe kennt: Der Normungsprozess wurde nach etablierten ISO-Regeln erstmals auch auf ein neues, „softes“ Thema angewendet. Außerdem ist es 450 Experten aus 90 Ländern gelungen, ein Papier im Konsensprinzip zu erarbeiten und darüber hinaus die Forderungen und Wünsche von sechs sehr unterschiedlichen Stakeholderkategorien zu integrieren. Neu ist auch die Tatsache, dass sich besonders viele Entwicklungs- und Schwellenländer beteiligt haben. Natürlich mussten alle Teilnehmer im Laufe des Prozesses Kompromisse eingehen, dennoch ist das Ergebnis keinesfalls nur ein „kleinster gemeinsamer Nenner“, sondern spiegelt eher die Bereitschaft aller wider, das bestmögliche gemeinsame Ergebnis zu erreichen.
Das innovative Potential der neuen Norm sehe ich vor allem darin, dass es uns gelungen ist die vielen bestehenden Ansätze, Konzepte und Instrumente von gesellschaftlicher Verantwortung erstmals in einen übergeordneten, systematischen Zusammenhang zu stellen und in einer international konsensfähigen Definition zu verankern - dass Verantwortung damit als integrative Aufgabe verstanden wird, ist für mich das herausragende Ergebnis dieses Prozesses.
Was sind die Kernelemente des neuen ISO-Standards und für wen gilt er?
Grundsätzlich gilt der Standard für alle Größen und Typen von Organisationen. Eine Vielfalt also, die Unternehmen ebenso einschließt wie solche Akteure, die gesellschaftliche Verantwortung von anderen einfordern. Vom weltweit operierenden Industriekonzern bis zum Umweltverband werden alle Gruppen angesprochen. Inhaltlich wurden sieben Grundsätze und sieben Kernthemen entwickelt, die das gesamte Spektrum von gesellschaftlicher Verantwortung abdecken. Zu diesen Prinzipien zählen: Rechenschaftspflicht, Transparenz, Ethisches Verhalten und die Achtung der Interessen von Anspruchsgruppen, der Rechtsstaatlichkeit, der internationalen Verhaltensstandards sowie der Menschenrechte. Zusätzlich hat man sich auf sieben so genannte Kernthemen gesellschaftlicher Verantwortung verständigt: Organisationsführung und -steuerung, Menschenrechte, Arbeitspraktiken, Umwelt, anständige Handlungsweisen von Organisationen, Beachtung von Konsumentenfragen und die regionale Einbindung und Entwicklung des Umfelds. Eine ISO 26000 kompatible Organisation ist nur dann gegeben, wenn all diese Prinzipien und Kernthemen adressiert und von der Führung sowie von der formalen wie informellen Steuerung der Organisation widergespiegelt werden.
Welche konkreten Vorteile können sich Unternehmen und Organisationen von der ISO 26000 versprechen?
Vor allem bringt der Standard Licht in das aktuelle Dickicht von Konzepten, Instrumenten und Strategien, die zurzeit im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Verantwortung genannt werden. Ich denke hier zum Beispiel an Corporate Citizenship, Corporate Governance, Umweltschutz, Compliance oder Korruptionsbekämpfung. Der ISO 26000 liegt ein integriertes Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung zugrunde, das interessierten Unternehmen und Organisationen als Orientierung und Handlungsleitfaden dient, die genannten Ansätze vereint und systematisch verbindet. Die Standardisierung fördert darüber hinaus die globale Vergleichbarkeit des Engagements und ermöglicht es, den eigenen Fortschritt einzuordnen und zu evaluieren. Der Leitfaden gibt darüber hinaus Anregungen, wie eine Profilierung über den Mindeststandard hinaus aussehen kann. Weitere Vorteile sehe ich außerdem bei der zukünftigen Berichterstattung über Unternehmensverantwortung. Eine Ausrichtung des Berichts an den Kriterien der ISO 26000 gewährleistet einen strukturierten Aufbau und erhöht zum einen die inhaltliche Aussagekraft, zum anderen wird der Aufwand der Erstellung verringert. Zudem grenzt sich eine am Leitfaden orientierte Berichterstattung von reinen PR-Maßnahmen ab und macht ernst gemeintes Engagement deutlich. Nicht zuletzt bin ich davon überzeugt, dass gesellschaftlich verantwortungsvolle Unternehmen mittelfristig auch wirtschaftlich von dieser Ausrichtung profitieren. Eine Unternehmensführung, die ihre Geschäftsprozesse konsequent und durchgängig an den Leitlinien der ISO 26000 orientiert, betreibt zugleich aktives Risikomanagement und legt somit das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft.
Erwarten Sie Probleme bei der Umsetzung?
Es wird für viele Organisationen und Unternehmen zunächst einmal schwierig, die umfangreichen Empfehlungen des Leitfadens für die eigene Institution zu übersetzen. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen müssen erkennen, welche Aspekte für sie überhaupt zutreffend sind und welche nicht. Allgemein wird es darum gehen, den Standard auf die Besonderheiten jedes einzelnen Unternehmens sowie für verschiedene Branchen anzupassen und in der Praxis erfolgreich umzusetzen.
Doch auch in großen Konzernen sehe ich Schwierigkeiten: Viele Unternehmen haben sich bereits Strukturen aufgebaut, die abweichend von der ISO Norm verfahren, weil sie nebeneinander laufen. Hier wird die Herausforderung darin bestehen, die vorhandenen Ansätze in einem übergeordneten System zusammenzufassen. Dies ist übrigens auch einer der Gründe für die ablehnende Haltung, insbesondere der (Groß-)Industrie gegenüber dieser Norm.
Dr. Annette Kleinfeld hat den Normungsprozess von Beginn an als Expertin begleitet. Für die Stakeholdergruppe "SSRO" setzte sie sich auf den internationalen Treffen kontinuierlich für ein umfassendes ISO 26000 Verständnis ein, arbeitete im deutschen Spiegelgremium an der Übersetzung der Norm und unterstützt nun bei einer aktiven Umsetzung in die Praxis.
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Dr. Annette Kleinfeld, Geschäftsführung
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