Interview mit Dr. Annette Kleinfeld
Quelle: Markt&Technik Nr. 9, 25.02.2005, S. 83-84
»Viele Blumen blühen im Verborgenen«
Dr. Annette Kleinfeld ist Wirtschaftsethikerin und promovierte Philosophin. Ihrer Ansicht nach kann kein Unternehmen auf lange Sicht auf Moral und Werte verzichten, wenn es erfolgreich sein will.
Markt&Technik: Frau Dr. Kleinfeld, ist Ethik ein Schönwetter-Thema oder ein neuer Trend in der Wirtschaft?
Dr. Annette Kleinfeld: Sowohl als auch. Ethisches Wirtschaften steht immer im Spannungsfeld zwischen Moral und Ökonomie. Die Kunst ist, auch in schlechten Zeiten nicht auf Werte zu verzichten. Langfristig zahlt sich das aus, auch in barer Münze! Wobei man gemeinhin den Mittelstand von börsennotierten Unternehmen unterscheiden muss. Persönlich haftende Gesellschafter in mittelständischen Firmen haben immer schon stärker auf Werte geachtet, das liegt in der Natur der Sache. Der Inhaber an der Spitze prägt sein Unternehmen, viele denken in Dynastien, nicht in kurzfristigen Zyklen. Dafür gibt es einige sehr schöne Beispiele, etwa die Technologiegruppe Harting oder der Heräus-Konzern. Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, der Vorstandsvorsitzende der Faber-Castell AG, sagte kürzlich bei Christiansen, er habe schlaflose Nächte vor lauter Grübeln über die Frage, wie er es schaffen soll, die Arbeitsplätze im Lande zu halten. Das Unternehmen wurde übrigens vom Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik (dnwe) letztes Jahr ausgezeichnet.
Tun Sie jetzt den Großen nicht Unrecht? Schließlich kommt das Thema »Corporate
Social Responsibility« aus ihren Reihen.
Natürlich, über einen Kamm scheren kann man das nicht. Nicht alle Firmen fahren radikal
Personal runter, wenn der Geschäftsmotor stottert, oder flüchten ins Ausland. Viele sehen das eher als Warnhinweis, dass mehr Innovation gefordert ist. Aber Werte werden und wurden in der Vergangenheit auch oft dem kurzfristigen Shareholder Value geopfert, der Jagd nach Renditen, zu Lasten der Anteilseigner. Richtig bizarr wird es dann, wenn die Marketing-Abteilung die Werte für die Unternehmensbroschüre entwirft, als Imagepolitur. Papier ist geduldig, was zählt, ist aber die Umsetzung! Sie riskieren Ihre Glaubwürdigkeit, wenn Sie etwas kommunizieren, was Sie nicht halten können oder wollen. Im besten Fall folgt das, was ich mit »gelesen, gelacht, gelocht« umschreiben möchte. Im schlimmsten Fall kann ein Boykott Ihrer Produkte drohen.
Können sich Unternehmen heute ethisches Handeln überhaupt noch leisten in
Anbetracht von Kostendruck, Preisverfall und globalem Wettbewerb?
Die Frage ist viel eher: Können sie es sich leisten, auf Ethik zu verzichten? Ich bin mir sicher, dass kein Unternehmen langfristig Erfolg haben kann, wenn es ethische Grundregeln torpediert. Kurzfristig vielleicht schon, aber irgendwann kommt der Bumerang. Man muss seine Lieferanten nicht knebeln, nur weil es jetzt Portale gibt, um den besten Preis per Auktion festzulegen. BMW hat das zum Beispiel nicht nötig und ist trotzdem erfolgreich. Mittelständler haben generell seltener Werte-Konflikte als börsennotierte Unternehmen, weil sie nicht so unter dem Druck der Börse stehen. Deswegen begrüße ich auch Initiativen wie »Ethics in Business« oder den von einer unabhängigen Expertenjury verliehenen Preis des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik, die solche Firmen bekannt machen. Viele Blumen blühen im Verborgenen! Die GmbHs standen zu lange im Schatten der Börsenstars ? jetzt sollten sie mit ihren Pfunden wuchern!
Wie sollten Ethik-Kodizes denn aussehen?
Von null auf hundert ist sicher schwierig. Vor allem, wenn eine Firma wirtschaftliche Schwierigkeiten hat ? bekanntlich kommt erst das Fressen, dann die Moral! Andererseits wird ethisches Wirtschaften immer wichtiger: Sicherheit, Gesundheit, Umwelt ? das geht uns alle an und die Sensibilität dafür wächst: bei den Medien, den Kunden und Konsumenten, den NGOs und nicht zuletzt durch immer schärfere Verbrauchergesetze ? über deren Sinnhaftigkeit man sich manchmal auch streiten kann. Es ist wichtig, dass Werte global gelten. Ein Beispiel: Sie schicken Mitarbeiter ins Ausland, um dort eine Dependance aufzubauen. Gerade in Billiglohnländern ist Korruption noch weit verbreitet. »Da gelten doch andere Regeln«, heißt es dann. Immer öfter Fünfe gerade sein lassen ? das ist gefährlich. Eine Erosion der Moral im Ausland hat über kurz oder lang auch Auswirkungen auf den Heimatstandort. Der Technologiekonzern Harting zum Beispiel denkt deshalb mit meiner Hilfe über angemessene Methoden nach, um seine Werte auch international zur Geltung zu bringen. Dabei helfen Führungsgrundsätze, Verfahren wie die Balanced Scorecard oder das EFQM Excellence Model der European Foundation for Quality Management.
Wie würden Sie das Bewusstsein für Ethik in der deutschen Wirtschaft einschätzen?
Es nimmt immer mehr zu ? vor allem nach den Bilanz-Skandalen der Vergangenheit. Es gibt aber auch viele Alibi-Geschichten. Etwa wenn unliebsame Manager auf Stellen wie »Vice President Corporate Social Responsibility« geparkt werden, bis sie eine neue Stelle gefunden haben und man sich über die Abfindung einig ist. Das spricht Bände über die Kultur eines Unternehmens. Viele Manager haben Identitätskonflikte, weil sie ihre persönliche Moral auf dem Firmenparkplatz zurücklassen müssen ? das kann ich aus meiner Coaching-Praxis bestätigen. Denn die strammen Gewinnziele sind nicht immer mit den persönlichen Wert-vorstellungen vereinbar. Sie stecken in einem Konflikt ? genötigt vom System, aus dem sie nicht ausbrechen können. Eine Studie besagt, dass 30 Prozent des Top-Managements Psychopharmaka nimmt. Wenn Wertemanagement in einem Großkonzern erfolgreich ist, dann meist, weil es mindestens einen Vordenker auf höchster Ebene dafür gibt. Anders wird es nicht funktionieren.
Das Gespräch führte Corinne Weißbach