Interview mit Dr. Annette Kleinfeld
Quelle: Druckwerk, Nr. 01/2006, S. 4-7
Wirtschaft ist kein ethikfreier Raum. Jede Handlung eines Unternehmens reflektiert
seine Wertestruktur, seine Ethik. Kaufe ich in Betrieben ein, in denen
Menschen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, beziehe ich durch
mein Handeln eine Position. Missachte ich ökologische Aspekte meines Tuns,
so ist dies Bestandteil meines unternehmerischen Wirkens und damit Seins.
Besteht meine Einkaufsstrategie in der maximalen Preissenkung bei meinen
Lieferanten, definiere ich implizit mein Verhältnis zu diesen Partnern, strebe
ich bei meinen Kunden immer nach dem größten Profit, hat dies unmittelbare
Auswirkung auf meine Kundenbeziehung, aber auch auf die kulturelle Werteidentität
meines Unternehmens. Jede Entscheidung hat ethische Komponenten -
ob wir es wollen oder nicht.
Seit einigen Jahren wächst der Druck auf Unternehmen, sich mit ihrer eigenen ethischen Positionierung auseinander zu setzen. Was sind die Ursachen dieser Entwicklung?
Globalisierung und moderne Kommunikationstechniken sind die Schrittmacher
eines weltweiten ökonomischen Prozesses, der immer stärkere Wechselwirkungen
und Abhängigkeiten schafft. Auf nationaler wie internationaler Ebene nimmt nicht nur der wirtschaftliche Wettbewerb an Tempo und Schärfe zu. Zeitgleich brechen tradierte Wertesysteme zusammen, Strukturen, Institutionen und Leitbilder verlieren an Glaubwürdigkeit, Aussagekraft und Überzeugung. Dadurch werden traditionelle ökonomische und soziale Gewissheiten geschwächt. Dies führt zu einer Verunsicherung, die durch die gestiegene Komplexität und den multikulturellen Pluralismus moderner Gesellschaften noch verstärkt wird. Durch den Paradigmenwechsel von der Industriegesellschaft hin zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, die den Menschen als zentralen Erfolgsfaktor berücksichtigen muss, steigen die Anforderungen an Unternehmen: Markt und Wettbewerbsdifferenzierungen, zunehmende Prozessgeschwindigkeit, schnellere Entwicklungszyklen, der Bedarf an kontinuierlichen Innovationen und ein globalisierter Kostendruck sind nur ein paar Beispiele dieser neuen
Herausforderungen.
Der globalisierte Markt erzwingt die ethische Selbstreflexion?
Nicht nur der Markt. Auch seitens der Gesellschaft entstehen neue Anforderungen an Unternehmen. Neben einem Vertrauensverlust, der sich verstärkt in den letzten Jahren abzeichnet, wächst auch der Legitimationsdruck auf die Wirtschaft. Unternehmen sehen sich durch die vielfältigen Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen immer stärker in die Pflicht genommen: Kunden erwarten hochwertige Produkte zu günstigen Preisen, die Mitarbeiter wollen gerecht entlohnt und fair behandelt werden, und die Gesellschaft fordert umweltfreundliche, sozialverträgliche Güter und Produktionsweisen. Die Unternehmen stehen also sowohl unter einem ökonomischen Effizienzdruck als auch unter einem ethischen Legitimationsdruck.
Sind wirtschaftliche Effizienz und ethische Legitimation nicht zwei einander entgegenstehende Aspekte?
Viele Unternehmenslenker erleben dies als ein unauflösbares Dilemma und meinen, zwangsläufig zwischen Unternehmenswert und Unternehmenswerten wählen zu müssen. Die praktische Ethikberatung will den Weg aus dieser vermeintlichen Falle weisen: Managementhandeln auf der Basis eines festen Wertefundaments wird so zum Treiber der zukunftsorientierten Wertsteigerung eines Unternehmens. Eine praxisbezogene Unternehmensethik stellt unverzichtbare ökonomische Prinzipien wie Gewinn und Wachstumsziele nicht infrage, sondern trägt ihrem konkreten Gegenstand Rechnung: dem Wohl und Wehe des Unternehmens als Ganzem. Es geht um die Relativierung des Widerspruchs zwischen wertorientiertem und werteorientiertem Handeln. Das Ziel der Wertsteigerung und des auf Werten basierenden Handelns schließen sich eben nicht zwangsläufig aus. Als Wirtschaftsethik im wohlverstandenen Sinne geht es ihr nicht primär um die klassische ethische Frage Kants 'Was sollen wir tun?', sondern um die Frage nach dem 'Wie': Auf welche Weise und mit welchen Mitteln soll das getan werden, was wirtschaftliches und unternehmerisches Handeln per Definition ausmacht.
Mit welchen Fragen muss sich ein Unternehmen auf dem Weg zur eigenen
Unternehmensethik befassen?
Wesentliche Fragen lauten: Sind die ausgewählten Mittel und Wege zur Erreichung meiner unternehmerischen Interessen ethisch gerechtfertigt? Werden Gewinne 'um jeden Preis' erzielt oder dabei gleichzeitig Werte wie Ehrlichkeit, Integrität, Fairness, Achtung der Menschenwürde und gesellschaftliche Verantwortung berücksichtigt? Geht es nur um 'infinite Gewinnmaximierung' oder um ein auch qualitatives Wachstum?
Wie kann ein Unternehmen seine eigenen Werte entwickeln?
Mit einem praktischen Wertemanagement. Darunter wird die Bewusstmachung, die kritische Reflexion und Modifikation oder Erweiterung der firmeneigenen Wertorientierungen sowie deren konsequente Implementierung und Umsetzung
verstanden. Ein Wertemanagement dieser Definition muss neben den klassischen, ökonomisch-betriebswirtschaftlich relevanten Wertorientierungen auch ethische und integritätsrelevante Werte postulieren und für alle zur verbindlichen Handlungsorientierung machen.
Eine ethische Werteordnung als starres Regelwerk?
Ethik will hier keine Handlungsvorschriften entwickeln, sondern Prinzipien und Grundsätze erarbeiten, die in jeder Situation, insbesondere in Konfliktsituationen hilfreich sind. Während sich der ökonomische 'Wert' auf die Bedürfnisbefriedigung
durch Güter bezieht, zielen ethische Werte auf ganz andere Bereiche ab: Sie sind 'Ideen vom Guten, Rechten und Anzustrebenden' und dienen als Richtschnur zur Beurteilung menschlichen Handelns und Verhaltens.
Mit welchen Potenzialen für das Unternehmen?
Ein professionell gestaltetes Wertemanagement dieser Art kann in vielfacher Hinsicht zum Unternehmenserfolg beitragen: als Medium der Entwicklung einer ethisch fundierten, integren Corporate Identity, die intern für Orientierung, Sinnerleben und Zusammenhalt, extern für Verlässlichkeit, Vertrauen und eine gute öffentliche Reputation sorgt; als sozialer Hebel für die bewusste Gestaltung beziehungsweise Weiterentwicklung einer entsprechend integren, Loyalität und Vertrauen stiftenden Unternehmenskultur; als Basis effizienter Kooperation, Kommunikation und Wissensvernetzung und damit als Beitrag zur inneren Zukunftsfähigkeit von Unternehmen unter heutigen Rahmenbedingungen.
Wie wirken Unternehmenswerte auf die Beschäftigten?
Mitarbeiter, die durch geteilte Werte ihre Tätigkeit und die des Unternehmens als sinnvoll erleben, werden keine Motivationsprobleme haben. Deshalb werden sie die Anliegen 'ihres Unternehmens' als Multiplikator auch positiv nach außen vertreten. Das prägt im nächsten Schritt die Beziehungen zu den externen Stakeholdern. Das gilt für Lieferanten und Geschäftspartner ebenso wie für Kunden und Investoren. Letztlich geht es darum, die im Unternehmen gelebten Werte auch nach außen zu vermitteln. Zentral dabei sind Transparenz, Fairness und Verantwortungsbewusstsein, die sich im Unternehmenshandeln wiederfinden müssen. Das heißt zum Beispiel, bei Lieferantenbeziehungen nicht nur den eigenen kurzfristigen Vorteil zu sehen, sondern stabile Vereinbarungen zum beiderseitigen Vorteil zu finden oder das Vertrauen des Kunden durch Offenheit bei auftretenden Produktproblemen nicht zu enttäuschen. Eine vertrauensbildende Strategie, die auch bei Investoren langfristig Vorteile bringen wird.
Corporate Governance und Corporate Ethics? der Schick einer neuen Nachdenklichkeit, manchmal vielleicht auch nur eine Pseudo-Ethik für die Imagekommunikation?
Wo Unternehmen ihre ethische Ausrichtung kommunizieren, setzen sie sich in besonderem Maße kritischer Beobachtung von außen wie von innen aus. Leitlinien und Prinzipien, die aus Alibi-Gründen oder zur Imagekosmetik aufgestellt wurden, sind daher nicht nur kontraproduktiv, sondern höchst riskant. Verspielt man die Glaubwürdigkeit gegenüber seinen Partnern einmal, kann dies nicht nur kurzfristigen, sondern vor allem nachhaltigen Schaden anrichten.
Worin liegt die Chance einer erfolgreichen Beschäftigung mit der eigenen ethischen Positionierung?
Im positiven Fall bietet eine ethische Ausrichtung dem Unternehmen eine gute Chance, Vertrauen bei seinen Partnern im Inneren wie im Äußeren zu stiften: Die Kommunikation einer integren Geschäftspolitik im Sinne von Gesetzestreue und der Orientierung an ethischen Prinzipien kann eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme darstellen. Voraussetzung dafür ist aber die Einlösung des eigenen Anspruchs! Die Aufrichtigkeit ethischer Selbstverpflichtung zeigt sich stets in der
Umsetzung - nicht in ihrer Deklaration.
Weitere Informationen:
Strategische Instrumente des Wertemanagements
Wertorientierungen sind ein wichtiger Faktor zur Unterstützung von Veränderungsprozessen in Unternehmen. Sie werden im Kontext einer Vision, eines Leitbildes und von Verhaltensgrundsätzen firmenweit kommuniziert und 'lebbar' gemacht.
Unter einer Vision versteht man eine wirkmächtige Zukunftsvorstellung, die eine angestrebte Situation beschreibt, die möglich, sinnvoll und wünschenswert erscheint. Sie wird gespeist aus der Fantasie und von realistischen Einschätzungen des Machbaren. Sie stellt den 'Kompass' auf dem Weg in die Zukunft dar.
Das Leitbild konkretisiert die Ziele der Vision und entwickelt Profil. Es ist das 'Grundgesetz' einer Organisation und bezieht sich - im Unterschied zur Zukunftsausrichtung der Vision - auf das alltägliche Handeln. Das Leitbild ist der Wegweiser, der Organisation und ihre Angehörigen auf dem Weg zur Realisierung
der Vision leitet. Ein Leitbild kann zum Beispiel den selbst gewählten Auftrag des Unternehmens enthalten. Dazu kann auch die Einstellung des Unternehmens zu Konzepten wie Marktwirtschaft, Gewinnmaximierung oder Wettbewerbsverhalten
gehören. Darüber hinaus kann ein Leitbild das Unternehmen auf Werte und ethische Prinzipien verpflichten. Ein Leitbild bezieht in der Regel auch das Verhalten gegenüber den verschiedenen Stakeholdern ein. In Konfliktsituationen gibt es
Orientierung und liefert einen Maßstab zur Überprüfung des eigenen Beitrags.
Verhaltensgrundsätze sind schriftlich fixierte Leitlinien, die die Zusammenarbeit im Unternehmen festlegen. Basierend auf Vision und Leitbild werden 'Verhaltenskorridore' vorgegeben, die einen Orientierungsrahmen bilden. Damit stellen die Verhaltensgrundsätze eine Form der indirekten Führung als Beitrag zur
Selbststeuerung dar. Häufig finden sich hier auch Richtlinien zu integritätsrelevanten Fragen, wie Interessenkonflikten und die Annahme von Geschenken. Die Verhaltensgrundsätze geben Führungskräften und Mitarbeitern eine klare Orientierung, indem sie die Leitwerte und Leitlinien in konkrete erwünschte und unerwünschte Handlungen übersetzen. Durch sie kann auch deutlich gemacht werden, wie wertegeleitetes Verhalten honoriert bzw. nicht wertekonformes Verhalten sanktioniert wird.
"Die Gesellschaft verlangt von allen Senior Financial Officers ein aufrichtiges und ethisches Verhalten im Rahmen des Geschäftsverkehrs der Gesellschaft."
(Code of Ethics der E.ON AG für Senior Financial Officers)
Dr. Annette Kleinfeld studierte Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaften und promovierte über die Grundlagen einer ethisch orientierten Unternehmens- und Personalführung. Sie ist Autorin und Verfasserin zahlreicher Artikel und Aufsätze zu den Themen Unternehmensethik sowie Integritäts- und Wertemanagement. Zu ihren Kompetenz- und Beratungsschwerpunkten gehören zudem die Bereiche Corporate Identity und Corporate Culture als Grundlagen des von ihr verfolgten umfassenden
Corporate-Excellence-Ansatzes. In diesem Kontext stehen auch die übrigen Beratungsfelder zu den Themen Corporate Governance, Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship. Darüber hinaus begleitet Kleinfeld Cultural-Change-Projekte. Sie engagiert sich unter anderem als Mitglied im Vorstand des European Business Ethics Network (EBEN) und ist Mitglied im Aufsichtsrat der Business Keeper AG sowie zahlreicher anderer ihre Themenschwerpunkte betreffenden Interessengemeinschaften.
Dr. Kleinfeld & Partner Corporate Excellence Consultancy
www.kleinfeld-cec.com